Gegen den „Schweigemarsch für das Leben“ und christlichen Fundamentalismus!

Der Verein „Christdemokraten für das Leben e.V.“ ist bekannt für christlich-fundamentalistische Positionen. Laut Selbstverständnis setzt er sich für den „Schutz jedes menschlichen Lebens in allen Lebensphasen“ ein. Was auf den ersten Blick ansprechend klingt, bedeutet letztlich aber häufig einen Eingriff in die individuelle Selbstbestimmung. Am 1. Juni ruft der Verein zu einem „Schweigemarsch für das Leben“ im sächsischen Annaberg-Buchholz auf. Dabei soll das „Unrecht der Kindstötung“ angeprangert werden – womit man Abtreibungen meint. Ebenfalls demonstriere der Verein „gegen jede Form von Sterbehilfe“.
Dass diese Positionen anti-emanzipatorisch sind, liegt in erster Linie daran, dass die CDL-Dogmatiker*innen das Leben eines individuellen Menschen nicht primär als Angelegenheit des Menschen, sondern als reines Objekt ihrer Weltanschauung betrachten. Wenn ein Mensch das eigene Leben für nicht mehr lebenswert hält – auf Grund von Krankheit, Altersschwäche oder anderen nicht zu behebenden Leiden – sollte es da nicht in seiner*ihrer Entscheidung liegen, dieses zu beenden? Und woher nimmt mensch das Recht, sich anzumaßen, durch den abstrakten christlichen Dogmatismus über die reale Situation Anderer zu urteilen? Zur Freiheit des Individuums gehört es eben auch, die eigene Existenz beenden zu dürfen. Emanzipatorisch wäre es, diese Freiheit zu ermöglichen und die Bedürfnisse in den Mittelpunkt seiner*ihrer Überzeugung zu stellen – nichts könnte den Fundamentalist*innen ferner liegen.
Schwangerschaftsabbrüche zu verbieten ist ebenso anti-emanzipatorisch. Zur Geschichte und dem Abtreibungen formal immer noch kriminalisierenden §218 verweisen wir auf den Originalaufruf. Zwei Aspekte möchten wir aber herausstellen: Erstens ist die Diskussion, wann ein (schützenswertes) Leben beginnt, eine sehr komplexe und nicht von den Wünschen der Schwangeren* zu trennen. Egal wie Leben am Ende definiert wird, der Verlust der körperlichen Selbstbestimmung ist damit nicht zu legitimieren. Der CDL macht es sich zu einfach, indem dieser Zeitpunkt (wieder dogmatisch) auf die Zeugung gelegt wird. Es finden sich zumindest keine Anhaltspunkte für eine inhaltliche Auseinandersetzung auf der Website. Dass die gesetzliche 12-Wochen-Grenze im Übrigen ebenfalls willkürlich erscheint, darf auch nicht vergessen werden.
Zweitens ist es wieder einmal das Selbstbestimmungsrecht von Frauen*, welches beschnitten wird. Jedoch sollte mensch nicht nur im Blick haben, dass ein Kind der individuellen Lebensplanung widersprechen kann. Daneben erwachsen häufig auch gesellschaftliche Nachteile aus der Mutterschaft. Und solange diese nicht beseitigt worden sind, ist es geradezu zynisch, das Recht auf Schwangerschaftsabbruch zu verwehren. Beispielsweise begeben sich viele Mütter* in Abhängigkeitsverhältnisse zu ihren Lebenspartnern. Gerade die bürgerliche Kleinfamilie mit Kind ist prädestiniert für patriarchale Strukturen. Durch die schlechte Situation Alleinerziehender verstärken sich diese Effekte noch weiter, denn so werden Frauen* häufig vor die Wahl zwischen einer kaum zu bewältigenden Doppelbelastung aus Care- und Lohnarbeit oder dem Einfügen in ein klassisches Familienbild gestellt. Die Parole „Mein Körper gehört mir“ hat also nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftlich-strukturelle Bedeutung – und wurde nicht zuletzt deshalb in ähnlicher Form schon in den 1920er von Feminist*innen verwendet. Deshalb rufen wir dazu auf, sich mit den Gegenprotesten zum Schweigemarsch für das Leben zu solidarisieren – oder noch besser: selbst nach Annaberg-Buchholz zu fahren. Für das individuelle Selbstbestimmungsrecht (insbesondere schwangerer Frauen) und gegen die Kriminalisierung von Abtreibung und Sterbehilfe!

Zitate des CDL: aus dem Selbstverständnis des Vereins (http://www.cdl-online.de/grundlagen/3) und dem Aufruf des sächsischen Landesverbandes (http://cdl-sachsen.de/…/6-schweigemarsch-fuer-das-leben-in…/)

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