Ein eingeschlagenes Autofenster oder: Wie die Dresdener Polizei lügt

Als ich in der Nacht von Montag auf Dienstag vor bzw. in der Dresdener Zeltstadt zur Flüchtlingsunterbringung zugegen war, lief so ziemlich alles schief, was nur schieflaufen konnte, denn die Polizei hatte die Situation nicht wirklich unter Kontrolle.

Was das Fass nun zum Überlaufen bringt ist die Tatsache, dass bzgl. eines Vorfalls direkt vor dem Eingangstor der Unterkunft in der Bremer Straße seitens der Polizei Informationen verbreitet werden, die mit der Wahrheit wenig bis gar nichts zu tun haben. Da ich selber als Augenzeuge dabei war, werde ich hier nun meine persönliche Gegendarstellung zum veröffentlichen Polizeibericht kundtun.

Im Folgenden zitiere ich nun zuerst den Polizeibericht, mein Kommentar dazu ist darunter zu finden.

„Eine 46-Jährige befuhr gestern mit ihrem VW Golf die Bremer Straße. Als sie hinter einem abbiegenden Bus anhalten musste, wurde sie von einer Gruppe von mindestens 30 Personen angeschrien. Sie rechneten die Frau offensichtlich der rechten Szene zu. In der Folge schlugen die Angreifer mehrere Seitenscheiben ein und traten gegen das Fahrzeugheck. Anschließend vermischten sie sich wieder mit den ca. 200 Befürwortern der Dresdner Zeltstadt, die nach Ende der gestrigen Versammlung zur Bremer Straße gegangen waren.
Die Frau war zwischenzeitlich zu den Einsatzkräften vor Ort geflüchtet. Sie erlitt leichte Verletzungen und wurde vor Ort versorgt. Ermittelt wird nun wegen des Verdachts des Landfriedensbruches.“ (Quelle: http://www.polizeibericht-dresden.de/bericht/15942-polizeibericht-dresden-landfriedensbruch-vor-zeltstadt)

Zunächst sei gesagt, dass es sich bei der Größe der angreifenden Gruppe meiner Meinung nach nicht um 30 Personen handelte, sondern von max. 15-20 Personen die Rede sein kann. Fairerweise muss jedoch hinzugefügt werden, dass alles sehr schnell ging und es obendrein dunkel war. Wie die Polizei in ihrem Bericht richtigerweise anmerkt, wurde die Fahrerin des VW für eine Faschistin gehalten, was aufgrund des Kennzeichens „1488“, laut aufgedrehter Nazi-Musik, einem Thorhammer an der Kette um ihren Hals und diverser CDs von Nazi-Bands, welche offen in ihrem Auto herumlagen auch unmöglich zu leugnen wäre. Von der provozierenden Wirkung, welche sie damit auf die Gruppe vor dem Heim hatte muss gar nicht erst viel gesprochen werden.

Ein Rätsel ist es mir hingegen, wie die Polizei darauf kommt, dass an dem Auto mehrere Scheiben zu Bruch gegangen wären. Ich habe das Auto von allen Seiten betrachtet und kann guten Gewissens sagen, dass lediglich die vordere Scheibe auf der Beifahrerseite zu Bruch gegangen ist.

Doch nun zu dem Punkt, der mir die Zornesröte ins Gesicht treibt: In ihrem Bericht wird von der Polizei Dresden behauptet, die Faschistin wäre vor den Aktivisten vor Ort geflohen.

Hierbei gibt es für mich nur zwei Möglichkeiten: entweder der Verfasser dieses Berichts leidet unter Realitätsverlust oder es handelt sich um eine infame Lüge. Die Faschistin floh nicht – wie von der Polizei behauptet – sondern parkte ihren Wagen direkt vor der Gruppe Antifaschisten und stieg dann auch noch seelenruhig aus. Vor dem Wagen begann sie dann ihrerseits ein verbales Wortgefecht mit mehreren Personen gleichzeitig, wollte damit offenbar noch weiter provozieren, was ihr jedoch nicht gelang. Zwar versammelten sich zahlreiche Antifaschisten um den Wagen der Frau, und einige machten ihr dabei auch klar, dass sie gehen solle, aber laut oder bedrohlich wurde ihr gegenüber niemand.

Darüber hinaus bleibt festzustellen, dass die Frau sich ihre im Bericht erwähnte „leichte Verletzung“ überhaupt nicht anmerken ließ, sie schien in bester körperlicher Verfassung zu sein – Auch im Gespräch mit einem der Aktivisten wies sie keineswegs auf eine Verletzung ihrerseits, sondern lediglich auf ihre eingeschlagene Autoscheibe hin. Es wäre deshalb interessant zu wissen, was genau eigentlich mit der „leichten Verletzung“ gemeint ist. Jedenfalls konnte die Frau ihren Wagen auch trotz Verletzung eigenhändig wegfahren.

Eine Sache wird von der Polizei übrigens an keiner Stelle erwähnt, nämlich die Tatsache, dass es gegen 0.45 Uhr am selben Ort zu einer Attacke seitens einer Gruppe Nazis auf die verbliebenen Antifaschisten vor Ort kam. Die Polizei hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgezogen und es brauchte mehrere Anrufe und insgesamt 15 Minuten Zeit, bis ein einziger Streifenwagen vor Ort eintraf. Kurze Zeit vorher kamen – wie weiter oben schon erwähnt – gut zwei Dutzend Bereitschaftspolizisten aufgrund einer zerbrochenen Autoscheibe innerhalb weniger Minuten zur Zeltstadt.

Für mich als Augenzeugen wirft dieses Ereignis mehrere Fragen auf:

Warum werden in einem Polizeibericht ganz bewusst Falschinformationen verbreitet? Warum wird die Zeltstadt nicht ausreichend von der Polizei geschützt? Warum geht man so lasch mit den Nazigruppen um, die immer wieder in unmittelbarer Nähe der Zeltstadt gesichtet werden?

Ich meine das Problem ist ganz klar struktureller Natur: Es kann kein Zufall sein, dass all diese Umstände sich im selben Rahmen abspielen – und es kann erst recht kein Zufall sein, dass in einem einzigen, aus wenigen Zeilen bestehenden Polizeibericht derart viele Falschinformationen auftauchen. Wer auch immer diesen Bericht verfasst hat, hat das ganz genau in dem Bewusstsein getan, dass diese Infos nicht der Wahrheit entsprechen. Um es auf den Punkt zu bringen: die Dresdner bzw. die Sächsische Landespolizei haben Leute in ihren Reihen, die mit Nazis und anderen Menschenfeinden sympathisieren, und genau das schlägt sich in der Arbeit und in der Außenwirkung dieser Behörden nieder.

Sachsen ist gewiss nicht das einzige Bundesland, das mit derlei Problemen zu kämpfen hat, aber es ist auffällig, dass in Sachsen und besonders in Dresden immer wieder viel auf einmal zusammenkommt, man spricht also nicht zu Unrecht von den „sächsischen Verhältnissen“.

Meiner Meinung nach lässt sich aus diesem Ereignis folgendes Fazit ziehen:

1. Polizeiberichte sollten immer kritisch betrachtet werden, und vor Allem von den Medien nicht kommentarlos veröffentlicht werden.

2. Die „sächsischen Verhältnisse“ müssen dokumentiert werden – das aber nicht nur in Sachsen, sondern überall. Ich stehe zu meiner Aussage, da ich weiß, dass sie den tatsächlichen Geschehnissen viel näher kommt als die Version der Polizei, aber es empfiehlt sich immer, ein Handy, eine Kamera oder Ähnliches zur Dokumentation bei sich zu tragen. Man kann nie wissen, für was man die Aufnahmen später evtl. gebrauchen könnte.

3. Auf die Polizei ist kein Verlass! Antifaschisten sollten sich nicht darauf verlassen, dass die Polizei im Notfall schon einschreiten wird, sondern ganz im Gegenteil: Es hört sich krass an, aber ich finde, man muss an sowas eher mit der Erwartungshaltung rangehen, dass die Polizei im Zweifelsfall auf seiten der Nazis steht.

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2 Gedanken zu “Ein eingeschlagenes Autofenster oder: Wie die Dresdener Polizei lügt

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