Dresden, immer wieder Dresden: Eine Nacht in der Zeltstadt

Seit einigen Wochen sind sie aus der Berichterstattung der Medien nicht mehr wegzudenken: die Rede ist von den verbalen und körperlichen rassistischen Ausschreitungen gegenüber Asylsuchenden – nicht nur, aber vor Allem in Dresden und Umgebung. Zuerst in Freital, nun auch im Rahmen der Errichtung der Zeltstadt in der Bremer Straße direkt in Dresden: der rassistische Mob tobt nicht nur online, sondern auch ganz real auf der Straße.

Ich habe mich gefragt: Wie ist es vor Ort wirklich, was passiert vor bzw. in den Flüchtlingsunterkünften? Letzten Montag bin ich dieser Frage in Dresden auf den Grund gegangen.

Ich fahre gerade mit dem Zug nach Dresden ein. Draußen erscheint die Stadt in der langsam untergehenden Abendsonne in ihrer ganzen Schönheit. „Wie schön es hier doch ist“, denke ich mir und frage mich dabei wieder einmal, warum sich ausgerechnet an einem solch wunderbarem Ort immer wieder soviel Hass breit macht. Bereits mehrfach habe ich die Stadt besucht, häufig waren politische Gründe dafür der Anlass; ob nun eine antifaschistische Konferenz an der Technischen Universität oder diverse Nazi-Aufmärsche: ich hätte mir jedes Mal schönere Gründe für den Besuch der Stadt vorstellen können.

Nun ist es wieder einmal soweit. Der Anlass dieses Mal: in der Bremer Straße, etwas außerhalb des Stadtzentrums, kommen dieser Tage ca. 1200 Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern in einer Flüchtlingsunterkunft, der sogenannten Zeltstadt, unter.

Gleich mit Beginn der Errichtung der Zeltstadt begannen die Proteste dagegen, und es kam deshalb in den vergangenen Tagen bereits mehrfach zu körperlichen Angriffen auf Flüchtlingsunterstützer seitens Neo-Nazis. Die Polizei tue nicht genug dagegen, so heißt es häufig in Online-Foren.

Nun bin ich hier um mir selber ein Bild von der Lage zu machen, und mich beschleicht dabei schon vor Verlassen des Zuges ein mulmiges Gefühl. Ich weiß ob der Zustände in Dresden, schon mehrfach fielen Politik, Polizei und Justiz in den vergangenen Jahren eher durch Kriminalisierung antifaschistischen Engagements auf als durch die konsequente Verfolgung rechtsradikaler Umtriebe.

Es fällt mir schwer, unvoreingenommen an die Sache ran zugehen, aber ich gebe mein Bestes.

Aus dem Zug ausgestiegen treffe ich am Bahnhof Mitte auf mehrere hundert Antifaschisten. Es ist kurz vor 19 Uhr, die vom Bündnis Dresden Nazifrei organisierte Demonstration wird jeden Augenblick beginnen. Die Atmosphäre ist ruhig und entspannt, es sind nur wenige Polizeibeamte vor Ort und auch Nazis sind weit und breit nicht zu sehen.

Kurze Zeit später geht es los mit den ersten Redebeiträgen, thematisiert wird u.a. die menschenunwürdige Behandlung der Flüchtlinge. Das Ganze wirkt gut organisiert, die Botschaft steht im Mittelpunkt.

Als dann die eigentliche Demo losgehen soll, tauchen auf der anderen Straßenseite 6-7 Nazis auf, welche es tatsächlich darauf anlegen, zu unserem Kundgebungsplatz zu gelangen, doch dabei werden sie von der Polizei ausgebremst. Fürs Erste scheinen die Beamten die Lage also unter Kontrolle zu haben, das beruhigt etwas.

Die Demo, welche über mehrere Kilometer geht, verläuft dann zumindest aus meiner Sicht komplett friedlich und ohne weitere Vorkommnisse, mit ca. 2500 Menschen setzen wir ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und die Ausgrenzung von Asylsuchenden. Zwar endet die Demo nicht wie geplant in der Bremer Straße, aber in umittelbarer Nähe, sodass sich eine größere Gruppe von Menschen zusammenfindet, um gemeinsam zur Zeltstadt zu gehen.

Für alle anderen wird die möglichst sichere Abreise organisiert, was wichtig ist, denn um die Bremer Straße herum sind bereits vereinzelte Nazigruppen gesichtet worden, die offenbar auf Ärger aus sind.

Gemeinsam mit Dutzenden anderen begebe ich mich Richtung Zeltstadt. Am Eingang der Unterkunft angekommen bin ich dann verblüfft: die Polizeipräsenz ist mehr als mager.

„Wie soll das hier ausreichend geschützt werden?“ frage ich mich und bin froh darüber, dass zahlreiche Antifaschistinnen und Antifaschisten hier genau die Rolle übernehmen, welche eigentlich die Polizei inne hat.

Ich geselle mich dazu und beobachte erst einmal nur die Situation. Es ist ruhig, aber angespannt. Immer wieder gibt es Meldungen über umherziehende Nazigruppen, teilweise soll es auch bereits Übergriffe gegeben haben. Für mich ist es ein komisches Gefühl, aber in der Gruppe fühle ich mich sicher.

Dann knallt es plötzlich zum ersten Mal: ein VW hatte sich mit laut aufgedrehter Nazi-Musik und dem mehr als eindeutigen Kennzeichen „1488“ der Unterkunft genähert und war darauf hin von einer Gruppe Leute attackiert worden, wobei ein Seitenfenster komplett zu Bruch ging.

Die Fahrerin, welche diese Eskalation offenbar ganz bewusst herbeigerufen hat, hält direkt vor der Unterkunft an und steigt aus dem Wagen aus, woraufhin es zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen ihr und einigen Antifaschisten kommt, welche ihr deutlich zu verstehen geben, dass sie hier nicht erwünscht ist. Die Polizei schlichtet die Situation, die Frau erstattet Anzeige gegen unbekannt und sollte sich dann den ganzen Abend über nicht mehr blicken lassen.

Auffällig hierbei: Bereits kurz nach der Attacke rückt die Polizei mit deutlicher Verstärkung an. Hat sie bei Übergriffen von Nazis in den letzten Tagen laut Augenzeugen gerne mal weggeschaut oder zögerlich eingegriffen, so ist sie im Falle einer einfachen Sachbeschädigung dann auf der Stelle überpräsent.

Das sind sie dann wohl mal wieder, die berühmt-berüchtigten sächsischen Verhältnisse (Die Dresdener Polizei veröffentlichte kurze Zeit später einen fragwürdigen Bericht über den Vorfall, welchen ich hier kommentiere.)

Es ist nun ca. 23.30 Uhr. Ich bekomme mit, wie Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes vor dem Eingang zur Unterkunft nach Unterstützern suchen. Sofort mache ich mich nützlich und melde mich zur Unterstützung bei der Spendenausgabe im Lager.

Ich begebe mich ins nahe gelegene DRK-Büro um alle Formalitäten zu erledigen. Nach einem kurzen Einweisungsgespräch bzgl. des Ablaufs der Spendenausgabe und einem Hinweis auf die einzuhaltenden Hygienemaßnahmen (Tragen von Handschuhen und Mundschutz) kann es dann auch schon losgehen und zusammen mit einem Kollegen mache ich mich auf in Richtung Zeltstadt.

Eingeteilt bin ich für die Kleiderausgabe, hier müssen noch in dieser Nacht mehrere Hundert Menschen, welche zum Teil nur sehr spärlich bekleidet sind, schnellstmöglich mit Kleidung ausgestattet werden.

Der logistische Aufwand dafür ist nicht zu unterschätzen, denn das Rote Kreuz hat in den vergangenen Tagen spontan einen Spendenaufruf gestartet und dabei kamen Unmengen an Kleidung unterschiedlicher Art zusammen: Herrenkleidung, Damenkleidung, Kinderkleidung – in sämtlichen Farben, Formen und Größen. Das alles muss sortiert werden, in die Zeltstadt rübergetragen und dann dort vor Ort an die Geflüchteten ausgegeben werden – das jedoch möglichst schnell, damit die Menschen sich in den ihnen zugewiesenen Zelten endlich einmal ausruhen können (sofern das in Gemeinschaftszelten mit 40 anderen Personen überhaupt geht).

Ich komme mir vor wie im falschen Film, denn wir sollen eine große Masse an Menschen innerhalb weniger Stunden abfertigen, und das obwohl vielleicht 8-10 Geflüchtete zeitgleich im Ausgabezelt versorgt werden können.

Mir wird gleich klar, wie provisorisch das Rote Kreuz hier alles eingerichtet hat. Lobenderweise muss jedoch gesagt werden, dass die Situation ohne das Engagement des DRK und der vielen freiwilligen Helfer noch viel schlimmer wäre.

Viele der Flüchtlinge sind trotz der menschenunwürdigen Unterbringung und der allgemein angespannten Lage gut gelaunt. In langen Schlangen stehen sie vor dem Zelt der Kleiderausgabe, vereinzelt kommen wir Helferinnen und Helfer mit ihnen ins Gespräch. Trotz oder gerade wegen der oftmals bestehenden Sprachbarriere gibt es viel zu Lachen, das macht alle Beteiligten ein bisschen lockerer. Die Flüchtlinge kommen aus völlig unterschiedlichen Ländern: Afghanistan, Syrien, Pakistan und dem Balkan. Dementsprechend groß ist die Sprachvielfalt: Urdu, Farsi, Arabisch, Englisch und einige weitere sind vertreten. Damit es mit der Kommunikation einigermaßen klappt, stellt man uns Arabisch-Übersetzer zur Verfügung, die auch tatsächlich dringend benötigt werden, denn nicht alle verstehen es bzw. manche wollen es nicht verstehen, dass sie sie sich nicht zu zahlreich von der Kleidung nehmen können.

Letztlich ist aber auch das kein großes Problem, denn derlei Menschen sind hier in der Minderheit.

Ja, obwohl die die meisten Menschen hier nicht viel haben geht das Gekloppe um die Sachen nicht gleich so los, wie es so mancher selbsternannter „Asylkritiker“ gerne hätte.

Es ist nun ca. 01.00 Uhr und ich werde erst später erfahren, was sich in diesem Augenblick draußen vor dem Eingangstor abspielt: Die Polizei hat sich nun vollständig zurückgezogen und die vor dem Tor verbliebenen Antifaschistinnen und Antifaschisten werden in diesem Moment von einer ca. 50 Personen großen Gruppe von Neonazis angegriffen, welche zum Teil auch bewaffnet sind. Wie ich später über das facebook-Profil des sächsichen Grünen-Politikers Jürgen Kasek erfahren werde, ruft selbiger innerhalb weniger Minuten dreimal die Polizei, doch diese lässt sich mehr als 15 Minuten Zeit, um einen einzigen Streifenwagen zu schicken.

An dieser Stelle spare ich mir den Kommentar.

Während unsere Freunde draußen von Neonazis attackiert werden, geht für uns die Arbeit im Lager weiter, immer wieder füllt die Schlange sich mit Leuten. Mir schießen verschiedene Gedanken durch den Kopf: Was, wenn das hier die Menschen sehen könnten, die solchen Hass auf die Geflüchteten haben? Würde ihre Meinung sich ändern? Das Elend ist hier unübersehbar, nicht einmal der herzloseste „Asylkritiker“ könnte die Notlage dieser Leute hier leugnen.

Ja, im Grunde könnte alles so einfach sein: diese angeblich so kritischen Wutbürger könnten sich vor Ort selbst ein Bild machen, so könnten sie vielleicht mal mit einer tatsächlich kritischen Reflexion beginnen. Das wäre zwar recht leicht, aber am Ende immer noch zu schwer, denn am Leichtesten ist es immer noch, sich einen Sündenbock für die eigene Unzufriedenheit zu suchen und bei diesem seinen Dampf abzulassen. Im Moment sind es die Geflüchteten, aber je nach politischer Lage hackt man lieber wieder auf den Griechen rum. Das ist beliebig austauschbar.

Wo liegen die Ursachen dafür und wie kann man diese bekämpfen? Ich muss gestehen, dass sich bei mir manchmal selber so eine Art Ohnmacht breit macht. Zu kompliziert scheint mir die Antwort auf diese Frage.

Es ist jetzt ca. 02.00 Uhr, nur noch wenige Geflüchtete warten darauf, eingekleidet zu werden. Ich mache eine Pause und nehme mir die Zeit, um mir einen Gesamtüberblick über die Lage in der Zeltstadt zu verschaffen. Obwohl hier insgesamt mehr als 1200 Menschen untergebracht werden sollen, ist das Gelände übersichtlich groß, man braucht zu Fuß nur wenige Minuten um es einmal komplett abzulaufen. Hier sind ca. 25 Zelte aufgebaut, die meisten davon sind bereits belegt mit jeweils 30-40 Menschen. Die Leute schlafen, oder versuchen es zumindest. Immer wieder sehe ich Leute das Zelt verlassen und sich draußen die Füße vertreten. Es ist offensichtlich, dass viele hier nicht schlafen können.

„Wie es mir wohl dabei gehen würde“, frage ich mich. „Ob ich in so einem Zelt schlafen könnte? Bei so vielen Menschen muss es da drin doch stinken, diese Luft muss unerträglich sein. Nein, ich könnte da drin nicht schlafen. Niemals.“

Ich kann meine Gedanken nicht mehr richtig ordnen, das ist mir alles zu viel. Mir kommen Kommentare wie „Die sind hier doch bloß zum Urlaub machen!“ in den Sinn. Wie kann sich ein vernünftig denkender Mensch gegenüber Geflüchteten jemals so äußern? Es ist mir unbegreiflich.

An einer Zeltwand entdecke ich eine mit Kreide aufgemalte Deutschlandfahne, darüber der Spruch: „I love Germany“. Mein Gedanke dazu: ich nicht.

Die weitere Nacht verläuft recht ruhig, abgesehen davon, dass wir uns ständig fragen, ob vielleicht doch noch Nazis auf das Gelände kommen. Zum Glück passiert das nicht.

Wir vertreiben uns die Stunden mit Gesprächen und Diskussionen. Eine Aktivistin erzählt von ihren Erfahrungen im zum Asylheim umfunktionierten Hotel Leonardo in Freital und den Morddrohungen, welche sie aufgrund ihres Engagements erhalten hat. „Wir wollen dich zusammen mit den Asylanten brennen sehen“, schrieb man ihr unter Anderem.

Mir läuft es eiskalt den Rücken runter.

Wieder denke ich: Warum eigentlich immer Sachsen und insbesondere Dresden? Nazi-Attacken, eine Polizei, die bestenfalls wegschaut, Kriminalisierung von Antifaschisten und vieles mehr: Was geht hier eigentlich ab?

Doch es wäre falsch, zu behaupten, derlei Zustände gäbe es nur in Sachsen. Im Grunde ist es im gesamten Land mehr oder weniger das Gleiche. Eine flächendeckende Willkommenskultur gibt es nach wie vor nicht, trotz des Engagements so vieler Menschen.

Meiner Meinung nach ist das Problem, dass sich in Deutschland ganz allgemein immer mehr soziale Kälte breit macht, und das bereits seit einigen Jahren.

Doch was kann man dagegen unternehmen, wie kann man dafür sorgen, dass sich hier möglichst viele Menschen wohlfühlen? Meine Antwort darauf lautet: Wo auch immer wir der Unmenschlichkeit begegnen, müssen wir ihr entschlossen entgegentreten. Dabei müssen wir darauf achten, dass nicht wenige gegen viel Unrecht ankämpfen müssen, denn wenn zu wenige Schultern eine solch große Last tragen, brechen sie darunter zusammen.

Es ist wichtig, sich besser zu organisieren, sich besser zu vernetzen und gemeinsam mehr Entschlossenheit an den Tag zu legen, damit Hass und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft keinen Raum bekommen.

Darüber hinaus ist es von enormer Wichtigkeit, dass die Entscheidungen und die Macht von Autoritäten in Frage gestellt wird. Gerade wenn sich eine staatliche Institution wie die sächsische Landespolizei oder die Dresdener Polizei immer wieder etwas zu Schulden kommen lässt, dann hat sie das Misstrauen einer kritischen Öffentlichkeit nicht nur verdient, es ist gar notwendig.

Insgesamt müssen wir hin zu einer Gesellschaft, die weniger redet und mehr praktische Solidarität leistet. Was für Geflüchtete momentan geleistet wird ist beachtlich, da könnte aber noch viel mehr gehen.

Insgesamt gibt es in dem Rahmen zahlreiche Aufgaben, die erledigt werden müssen: die Agitation gegen Neonazis und ihren Wutbürger-Anhang, die Aufklärung von Bürgern, welche den Nazis noch nicht hinterherlaufen, die passive und aktive Unterstützung von Geflüchteten.

Ich habe es mir für die nächste Zeit zur Aufgabe gemacht, die sächsischen Verhältnisse nach bestem Wissen und Gewissen zu dokumentieren, öffentlich zu machen und kritisch zu kommentieren.

Und was machst Du?

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